Vom Ostseestrand in die dänische Weite – Eine Radreise über 448 Kilometer​

Fünf Tage unterwegs zwischen Waldwegen, Küstenwind und dänischer Gelassenheit.

Die Etappe 1 – von Stralsund nach Rostock begann früh am Morgen. Dieses vertraute Kribbeln, wenn eine Tour endlich startet – das Meer im Rücken, der Weg vor mir – verliert auch nach vielen Reisen nichts von seiner Wirkung. Für die rund 80 Kilometer bis Rostock hatte ich bewusst eine Route abseits der üblichen Radwege gewählt: mehr Wald, mehr Schotter, mehr Ruhe. Genau so wollte ich in diese Reise starten.

Schon nach den ersten Kilometern bestätigte sich die Entscheidung. Die Strecke führte durch weite Wald- und Forstgebiete, gut markiert, aber angenehm abgelegen. Der Untergrund wechselte zwischen festgepresstem Erdboden und feinem Schotter, immer gut fahrbar. Oft war es so still, dass nur das Summen des Freilaufs und das Rollen der Reifen zu hören waren. Zwischendurch tauchten alte Bauernhöfe auf – Orte, die wirken, als wäre der Alltag dort seit Jahren auf Pause.

In Negast und später in Nienhagen machte ich kurze Stopps: ein Kaffee, ein paar Minuten sitzen, kurz entspannen. Kleine Unterbrechungen, die den Rhythmus der Tour angenehm strukturieren.

Weiter ging es nach Ribnitz-Damgarten, größtenteils weiterhin über naturbelassene Wege. Weite Forstflächen, schmale Schneisen, ein Wechsel aus offenen Passagen und schattigen Waldstücken – ein durchgehendes Flow-Gefühl, ohne technische Herausforderungen, aber mit viel Fahrspaß.

Hinter Ribnitz-Damgarten führte die Route über Gelbensande und Rövershagen nach Klein Bartelsdorf. Die letzten Kilometer waren geprägt von ruhigen Dörfern, Feldern und kleinen Waldkorridoren – eine sanfte, unaufgeregte Landschaft, die den Tag stimmig ausklingen ließ.

Für die Nacht hatte ich eine Unterkunft in Klein Bartelsdorf gebucht – ein ruhiger Abschluss einer ersten Etappe, die genau das bot, was ich mir erhofft hatte: naturnahe Wege, viel Offroad-Anteil und einen perfekten Einstieg in die Reise.

Mit Etappe 2 – von Rostock nach Gedser und weiter nach Ulslev begann der Tag unter einem grauen Ostseehimmel. Feiner Nieselregen lag in der Luft – dieses typische Wetter, das eher nach einem warmen Café als nach Aufbruch aussieht. Trotzdem machte ich mich auf den Weg Richtung Hafen. Die Scandlines-Fähre nach Gedser fährt in der Regel im Zwei-Stunden-Takt, und mit der 11-Uhr-Abfahrt hatte ich bewusst einen ruhigen Start in den Tag gewählt. Ich wusste, dass es von Gedser bis Ulslev später nur noch eine kurze Strecke sein würde.

Die Überfahrt dauert knapp zwei Stunden. In meinem Fall zahlte ich als Fußpassagier 15 Euro plus 2 Euro Aufpreis für das Fahrrad – absolut fair für eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Deutschland und Dänemark.

Hier der Link für alle, die die Verbindung selbst nutzen wollen: Scandlines – Rostock–Gedser Verbindung: https://www.scandlines.de

Sobald das Schiff ablegte, änderte sich die Stimmung. Während Deutschland im Regengrau zurückblieb, riss über der Ostsee der Himmel auf. Sonne, klare Sicht, ein frischer Wind – als hätte Dänemark ein freundliches Willkommen vorbereitet. An Bord blieb Zeit, über das Wasser zu schauen, etwas zu essen und mit anderen Reisenden ins Gespräch zu kommen. Viele waren ebenfalls mit dem Rad unterwegs, und wie so oft ging es schnell um Ziele, Routen und die Frage, wie weit es in den Norden gehen sollte. Für mich stand zu diesem Zeitpunkt fest: Es geht weiter Richtung Kopenhagen.

Bei der Ankunft in Gedser empfing mich bestes Wetter. Der Wind war kräftiger, die Landschaft weit und offen. Gelbe Rapsfelder zogen sich bis zum Horizont, und die Orte lagen locker verstreut in der Ebene – kleine Häusergruppen mit viel Raum dazwischen. Genau dieser offene Charakter macht den Süden Dänemarks so angenehm.

Zunächst fuhr ich über Falster und Idestrup, um noch etwas von den Orten mitzunehmen und mich für den Abend einzudecken. Beide Orte bieten kleine Supermärkte und einige Möglichkeiten, sich unterwegs zu stärken.

Hinter Idestrup waren es nur noch wenige Kilometer bis zur Ostküste. Schon vor der Reise hatte ich mir zwei Campingplätze herausgesucht: Havlykke Fricamping und Camping Ulslev. Am Ende entschied ich mich für Ulslev. Der Platz liegt direkt am Meer, sauber und gepflegt – genau das, was man sich nach einer Etappe wünscht. Besonders praktisch: ein kleiner Supermarkt direkt auf dem Gelände. So konnte ich den Abend entspannt ausklingen lassen, ohne noch einmal losfahren zu müssen.

Als ich schließlich mein Zelt aufstellte, zeigte der Tacho eine erste Zwischenbilanz: rund 178 Kilometer seit dem Start in Stralsund, davon etwa 40 Kilometer auf der Fähre. Ein angenehmer Einstieg in die dänischen Etappen – begonnen im Regen, beendet mit Sonne, Meer und einer warmen Dusche. Genau so darf eine Reise weitergehen.

Mit Etappe 3 – entlang der Küste Richtung Kalvehave begann der Tag früh. Noch bevor die Sonne ganz aufgegangen war, weckte mich das gleichmäßige Rauschen des Meeres. Diese ruhigen Minuten zwischen Aufwachen und Aufbruch gehören für mich zu den schönsten Momenten auf Tour. Alles ist reduziert auf das Wesentliche: packen, frühstücken, losfahren.

Die Strecke führte zunächst über Lendemarke und Koster, bevor ich wieder direkt an die Küste gelangte. Anfangs rollte ich über Schotterpisten, später ging es durch ruhige Waldabschnitte mit Fichten und Tannen. Ein Wechsel, der die Etappe angenehm abwechslungsreich machte.

Kurz vor Stubbekøbing traf ich auf zwei Bikepacker, Max und Freddy, die von Berlin aus unterwegs Richtung Kopenhagen waren. Sie hatten die Nacht zuvor in einem Shelter verbracht – einfachen Naturlagerplätzen mit Hütten und Feuerstellen, wie sie in Dänemark weit verbreitet sind. Über die Shelter-App, erklärten sie mir, lassen sich diese Plätze problemlos im ganzen Land finden. Eine praktische Ergänzung für zukünftige Touren.

Ein Stück des Weges fuhren wir gemeinsam, setzten mit der kleinen Fähre nach Stubbekøbing über und rollten weiter bis Storre Damme. Dort trennten sich unsere Wege wieder. Während die beiden ihr Tagesziel fest im Blick hatten, ließ ich es ruhiger angehen.

Ich nutzte die Zeit, machte mich mit der Shelter-App vertraut und steuerte schließlich mein eigenes Ziel an: Kalvehave. Der Platz lag direkt am Wasser, ausgestattet mit Sitzmöglichkeiten, einem Tisch und zwei Schutzhütten. Ein ruhiger Ort, der sofort zum Ankommen einlud.

Am Ende des Tages standen rund 254 Kilometer auf dem Tacho – und ein weiterer Abschnitt, der sich genau so anfühlte, wie ich mir diese Reise vorgestellt hatte.

Mit Etappe 4 – quer durchs Land Richtung Rødbyhavn änderte sich mein Plan. Eigentlich wollte ich weiter nach Kopenhagen, doch mein Zeitfenster wurde knapper. Also entschied ich mich spontan für den Rückweg – allerdings nicht auf derselben Strecke, sondern quer durch den Süden Dänemarks bis an die südwestliche Küste.

Die neu gewählte Route führte mich zunächst nach Masnedsund und über die Storstrømsbro, die Masnedø mit Falster verbindet. Die Straßen waren weit, offen und erstaunlich ruhig. Verkehr spielte kaum eine Rolle, stattdessen bestimmten Felder, Wind und gelegentlich kleine Fischerhäfen das Bild – ideale Orte für kurze Pausen.

Gleichzeitig machte sich der vierte Tag körperlich bemerkbar. Vor allem mein Hintern meldete sich deutlich zu Wort. Ein neuer Sattel kurz vor der Tour – keine gute Idee, wie sich nun zeigte. Eine Erfahrung, die ich so sicher nicht wiederholen werde.

In Rødbyhavn angekommen, schaute ich mir zwei Campingplätze an: Hummingen Camp und Western Camp. Letzterer fiel sofort auf. Ein Platz im Westernstil, mit Holzbauten und viel freier Fläche – fast wie eine kleine Filmkulisse. Bis auf einige Dauercamper war kaum jemand vor Ort. Entsprechend besonders fühlte es sich an, mein Zelt mitten auf einer großen, offenen Wiese aufzubauen.

Strom gab es unkompliziert über ein geliehenes CEE-Kabel, und kurz vor Ladenschluss schaffte ich es noch in den nahegelegenen Supermarkt. Der Abend verlief ruhig, fast entschleunigt. Mit dem Wissen, am nächsten Morgen nur noch wenige Kilometer bis zur Fähre zurücklegen zu müssen, konnte ich den Tag entspannt ausklingen lassen.

Am Ende dieser Etappe standen 351 Kilometer auf dem Tacho – und ein weiterer Abschnitt, der zeigte, wie schnell sich Pläne unterwegs verändern können.

Mit Etappe 5 – von Rødbyhavn nach Lübeck begann der letzte Tag meiner Reise mit einem leichten Gefühl von Wehmut. Die Tage in Dänemark waren intensiv, klar und überraschend ruhig – und schon jetzt war mir bewusst, dass ich zurückkehren würde. Trotz meines gewohnten Packrituals musste ich mich etwas beeilen, um die Fähre am Morgen zu erreichen. Die Luft war klar, die Küste still – ein ruhiger, fast unspektakulärer Abschied.

Die Überfahrt nach Fehmarn verlief entspannt. Von Puttgarden aus ging es weiter nach Burg auf Fehmarn, eine lebendige Kleinstadt mit kleinen Läden, Cafés und einer angenehmen Atmosphäre. Ein Ort, an dem man gern länger geblieben wäre. Doch mein Ziel lag weiter südlich: Lübeck, rund 90 Kilometer entfernt.

Die Strecke führte über gut ausgebaute Radwege entlang der Landstraßen. In Neustadt legte ich eine längere Pause ein. Die kleine Hafenstadt hat ihren eigenen Charakter – maritim, offen, ohne Hektik. Ein Ort, der kurz innehalten lässt, bevor es weitergeht.

Hinter Neustadt wurde die Strecke ruhiger. Es ging vorbei an der Pönitzer Seenplatte, durch die Haffwiesen und über kleinere Straßen sowie kurze Waldabschnitte. Die Abstände zwischen Versorgungsmöglichkeiten wurden größer – ausreichend Wasser dabei zu haben, erwies sich hier als sinnvoll.

Die letzten Kilometer zogen sich spürbar. Die Beine waren schwer, die Belastung der vergangenen Tage machte sich bemerkbar. Doch mit der Einfahrt in Lübeck wich die Müdigkeit langsam einem Gefühl der Zufriedenheit.

Am Ende standen 448 Kilometer auf dem Tacho – eine Tour, die mich körperlich gefordert und gleichzeitig den Kopf frei gemacht hat. Eine Reise durch vertraute und neue Landschaften, die mir einmal mehr gezeigt hat, wie viel im Unterwegssein steckt. Und vor allem: eine, die sicher nicht die letzte gewesen ist.